Ulrike Längle#
* 4. 2. 1953, Bregenz, Vorarlberg
Autorin, Herausgeberin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin
Ulrike Längle wurde am 4. Februar 1953 in Bregenz, Vorarlberg geboren. Sie studierte Germanistik, Romanistik und Komparatistik in Innsbruck und in Poitiers, Frankreich. Nach der Lehramtsprüfung und dem Doktoratsstudium promovierte sie sub auspiciis praesidentis. mit einer Arbeit über Ernst Weiß.
Anschließend arbeitete sie als Assistentin am Germanistischen Institut der Universität Innsbruck und unterrichtete in Klagenfurt. Seit 1984 ist Ulrike Längle die Leiterin des Franz-Michael-Felder-Archivs (Vorarlberger Literaturarchiv) in Bregenz.
Zeitweise war sie Lehrbeauftragte an der Universität Innsbruck und von 1986-1992 war sie Redaktionsmitglied der Zeitschrift "Kultur".
Ulrike Längle lebt in Bregenz, Vorarlberg und ist neben ihrer Arbeit im Vorarlberger Literaturarchiv als Autorin, Herausgeberin (u. a. der Erinnerungen Max Riccabonas), Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin tätig.
Sie hielt viele Lesungen und Vorträge in Österreich, anderen europäischen Ländern und den USA. Und publizierte zahlreiche literaturwissenschaftliche Veröffentlichungen über österreichische Gegenwartsliteratur, Ernst Weiß, Franz Michael Felder, Johann Nestroy, Paula Ludwig und andere.
Auszeichnungen, Preise (Auswahl):
- 1991 Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
- 1995 Stipendium des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf
- 1997 Visiting Writer an der University of Texas in Austin
- 1999 Heinrich-Heine-Stipendiatin des Literaturbüros Lüneburg
- 2003 Ehrengabe des Landes Vorarlberg für Kunst
Werke (Auswahl):
Bücher:
- Am Marterpfahl der Irokesen. Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1992.
- Der Untergang der "Romanshorn". Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1994.
- Il Prete Rosso. Zwei Erzählungen. Residenz Verlag, 1996.
- Tynner. Novelle. Fischer Taschenbuch Verlag, 1996.
- Vermutungen über die Liebe in einem fremden Haus. Roman. S. Fischer, 1998.
- Mit der Gabel in die Wand geritzt. Gedichte. de scriptum, 1999.
- Bachs Biss. Eine Liebe in Lüneburg. Novelle. Edition Isele, 2000.
- Seesucht. Roman. Eggingen: Edition Isele, 2002.
- In italienischer Sprache: Il Prete Rosso. A cura di Franca Ortu. Faenza: Moby Dick 2001.
Literaturwissenschaftliche Werke und Editionen:
- Ernst Weiß. Vatermythos und Zeitkritik. Die Exilromane am Beispiel des „Armen Verschwenders“.
- Innsbruck 1981 [=Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Germanistische Reihe, Bd. 11]
- Franz Michael Felder: „Ich will der Wahrheitsgeiger sein“. Ein Leben in Briefen. Hrsg. und mit einem Nachwort von Ulrike Längle. Salzburg und Wien: Residenz 1994 [=Eine Österreichische Bibliothek, Gesamtleitung Wendelin Schmidt-Dengler, Bd. 2]
- Max Riccabona: Auf dem Nebengeleise. Erinnerungen und Ausflüchte. Hrsg. und mit einem Nachwort von Ulrike Längle. Innsbruck: Haymon 1995.
Übersetzungen:
- Gillo Dorfles: Im Labyrinth des Geschmacks. Übers. a. d. Italienischen: Ulrike Längle. München: Kirchheim, 1987.
- Gillo Dorfles: Ästhetik der Zwietracht. Übers. a. d. Italienischen: Ulrike Längle. München: Kirchheim, 1988.
Leseprobe#
aus "Vermutungen über die Liebe in einem fremden Haus"
IV. Fanny wurde von der Sonne geweckt, die voll in ihr Bett schien. Sie blinzelte verschlafen in das helle Licht, dehnte sich unter der dünnen Wolldecke in dem geblümten Überzug, genoß die Aussicht durch die Maschen ihres Moskitonetzes und stand dann auf. Sie hatte keinen einzigen Mückenstich abbekommen. Draußen war es fast vollkommen still. Kein Windhauch wehte. Die Wetterfahne schwieg. Von ferne hörte sie eine Glocke leise siebenmal schlagen. Sie blickte auf den Kirchturm von Östervala, dann nahm sie ihr Bettzeug und hängte es aus dem Fenster. Wieder schlüpfte sie in ihren Morgenmantel und in die blauen Holzschuhe und setze sich kurz auf einen Stuhl mit dreieckiger Sitzfläche, die mit verschossenem, orangefarbenem Samt bezogen war, vor der Kommode, auf der sie ihre Toilettengegenstände aufgebaut hatte. Sie blickte auf Eriks Bild. Erik schaute sie an, melancholisch wie immer. Erik sah alles ganz genau, zum Beispiel, daß sie ihre Haare lange nicht mehr gewaschen hatte, so daß sie nun, kurz nach dem Aufstehen und vor der Morgentoilette, in fettigen Strähnen an ihrem Gesicht herunterhingen. Fanny blickt in den Spiegel. Obwohl sie geweint hatte, sah sie gar nicht verweint aus. Sie fand, daß sie eigentlich überraschend gut aussah, trotz der fettigen Haare, und überraschend jung. Vielleicht waren die frische Luft und das kalte Wasser schuld daran.
Sie riß sich von ihrem Spiegelbild los und drehte sich wieder zu Erik um.
"Da bin ich", sagte sie leise, "jetzt hilf du mir weiter."
Erik blickte wie immer, aber er schien sie verstanden zu haben. Sie erinnerte sich, daß sie an diesem Morgen versuchen wollte, das Gras zu mähen. Vorerst öffnete sie bloß das Fenster im Gang, nachdem sie die weißen Vorhänge zurückgeschoben hatte, und befestigte die Fensterflügel an den Haken. Draußen stand die Fahnenstange mit dem unbeweglichen blaugelben Wimpel. Etwas weiter weg lag das Härbre als ruhige, einfarbige, falunrote Masse im Grün der Birken, die dahinter wuchsen. Vor der Werkstatt fiel ihr Blick auf Eriks selbstgezimmertes, ausgebleichtes Holzgeländer. In der Ferne ragte eine Reihe von Birken vor dem dunklen Hintergrund eines Nadelwaldes wie weiße Striche in den Himmel.
(S. 66f.)
© 2005, S. Fischer Verlag, Frankfurt / M.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags
Literaturhaus
Quellen:
